Interviewpartnerinnen

Interview in der Elterninitiative Kinderforum e.V

Die Inklusion von Kindern mit Behinderung ist ein Kinderrecht. Das Kinderforum spricht über die Umsetzung!

Luque Ramirez (Mutter im Kinderforum), Katharina Micha (Leitung Kinderforum) und Pia Ney (Fachberatung Inklusion) sprechen über gelebte Inklusion in der Kita (s. Foto v.l.n.r). 

 

 

„Kinder mit geistigen oder körperlichen Behinderungen haben das Recht auf eine besondere Fürsorge sowie auf eine Förderung der Selbständigkeit und der aktiven Teilnahme am öffentlichen Leben. „(Artikel 23 UN-Kinderrechtskonvention)

Bereits 1992 trat die Kinderrechtekonvention in Deutschland in Kraft. Darin festgeschrieben sind verschiedene Rechte von Kindern z.B. das Recht auf gesundes und sicheres Aufwachsen, das Recht auf die Entwicklung eigener Potenziale, das Recht ernst genommen und beteiligt zu werden, sowie das Recht auf die besondere Unterstützung und Teilhabe von Kindern mit Behinderungen.

Das Recht auf Teilhabe von Kindern mit Behinderung beinhaltetet die Verpflichtung zur Umsetzung von Inklusion unter anderem auch in den Kindertagestätten.

Seit einiger Zeit nehmen die Tageseinrichtungen für Kinder im Paritätischen Kinder mit Förderbedarf auf und passen die erforderlichen personellen, räumlichen und konzeptionellen Strukturen an.

Das folgende Interview mit der Leiterin der Elterninitiative Kinderforum e.V. – Katharina Micha – und Frau Luque Ramirez, der Mutter eines Kindes mit Förderbedarf in dieser KiTa, zeigt beispielhaft auf, wie gelebte Inklusion gelingen kann.

Die Beteiligten

Das Kinderforum e.V. ist eine – vor 51 Jahren gegründete - eingruppiere Einrichtung, in der heute 22 Kinder im Alter von 3-6 Jahren betreut werden. Das Leitbild der Elterninitiative lautet: Sei wer du bist! In diesem Sinne ist Inklusion eine Selbstverständlichkeit, denn: Jedes Kind ist – genauso wie es ist - eine Bereicherung.

Mateo, ist 3 Jahre alt und seine Mutter beschreibt ihn als ein fröhliches, offenes und unkompliziertes Kind, das Musik liebt. Er wurde mit einer spastischen Cerebralparese geboren, dadurch ist vor allem seine motorische Entwicklung erschwert. Mateo kann sich von einer Seite auf die andere rollen. Er ist ein sehr kommunikatives Kind, das sich inzwischen gut und verständlich mitteilen kann und seine Bedürfnisse formuliert. Mateo wächst zweisprachig auf.

Pia Ney – Fachreferentin des Paritätischen in Düsseldorf – führte das Interview durch. Sie unterstützt die Kinder-und Jugendeinrichtungen in Paritätischen in allen fachlichen Fragen rund um das Thema Inklusion.

Die Auswahl der Einrichtung

Für die Eltern von Mateo war es wichtig, dass ihr Sohn in einer kleinen Einrichtung in der Nähe ihres Wohnortes betreut wird. Sie entschieden sich bewusst dafür, Mateo in einer „Regeleinrichtung“ Normalität erleben zu lassen und seinen Erfahrungsschatz damit zu erweitern. Nach einem Kennenlernen - das unter Corona Bedingungen im Garten der Einrichtung stattfand - stand für die Eltern bereits fest, dass sie ihren passenden Kindergarten gefunden haben.

Das Team der Einrichtung, sowie der Vorstand haben sich nach dem Kennenlerngespräch beraten, die möglichen Anpassungsbedarfe diskutiert und sich für die Aufnahme der Familie im August 2021 entschieden. 

Das Kinderforum arbeitet schon seit 2014 inklusiv - sowohl der Vorstand als auch die zu diesem Zeitpunkt neue Leitung - Katharina Micha – haben sich bewusst für diesen Weg entschieden. Nach dieser Entscheidung folgte eine umfassende Anpassung der bestehenden pädagogischen Konzeption, sowie inklusionsspezifische Weiterbildungsmaßnahmen für die Leiterin und Mitarbeiter*innen der KiTa.

Die Vorbereitung

Erste Treffen zum gegenseitigen Kennenlernen fanden auf dem benachbarten Spielplatz und zu Hause satt. Die Eltern von Mateo wurden noch vor dem Beginn der Betreuung beim Erstellen der Anträge an den Landschaftsverband Rheinland, der jetzt für die Umsetzung der Eingliederungshilfe zuständig ist, unterstützt.

Eine Zweitversorgung der erforderlichen Hilfsmittel u.a. eine spezielle fahrbare Sitzschale wurden von den Eltern bei der Krankenkasse beantragt.

Die Mitarbeiter*innen der Kita bereiteten sich gezielt auf die Unterstützung von Mateo vor. Der Vorstand des Kinderforums bemühte sich die Bedingungen für die Einstellung von zusätzlichem Personal zu klären und schrieb eine entsprechende Stelle aus.

Es wurde eine Rampe installiert, um Mateo perspektivisch das Spielen auf der Hochebene der Gruppe zu ermöglichen und am Durchgang zum Garten wurde eine Rollstuhlrampe angebracht, um ihm den Zugang nach draußen zu erleichtern.

Der Beginn

Die Eltern von Mateo berichteten auf einem Elternabend zum Beginn des Kindergartenjahres allen Familien der KiTa ausführlich über die Entwicklung von Mateo: seine Behinderung und die speziellen Anforderungen im Alltag. Zudem wurden alle Beteiligten über die beantragten Unterstützungsmaßnahmen in Kenntnis gesetzt.

Im Team fand ein regelmäßiger Austausch zu den speziellen Bedarfen und der Umsetzung im pädagogischen Alltag statt.

Die Kinder gingen von Beginn an offen, neugierig und selbstverständlich mit Mateo um, bezogen ihn in ihr Spiel ein und er sie in seins. Das Vorbild der Erzieher*innen half ihnen vertraut mit den besonderen Bedürfnissen zu werden und Mateo zu unterstützen. Im Stuhlkreis sitzen gleich mehrere Kinder hinter ihm, damit er, wenn die Spastik einschießt, nicht nach hinten umfallen kann.

Die Zusammenarbeit

Regelmäßige und häufige Elterngespräche bilden die Grundlage für eine gelingende Inklusion. Dazu gehört es, alle Beteiligten mit ins Boot zu nehmen: Team, Vorstand, Eltern und Kinder.

Eine Vernetzung mit den Therapeuten und der Frühförderung findet statt und soll durch Runde Tische für den Austausch untereinander ergänzt werden. Die Logopädie findet im Haus statt.

Die paritätische Fachberatung unterstützt die Einrichtung bei allen Fragen und bei der konkreten Umsetzung der Inklusion. Der regelmäßig stattfindende Arbeitskreis und Fachveranstaltungen des Paritätischen bieten den Fachkräften in den Kitas die Möglichkeit des Austausches und der Erweiterung ihrer Fachkenntnisse.

Die Herausforderungen

Der Alltag der Eltern besteht aus einer Vielzahl an Aufgaben. Für sie ist es oft schwierig, sich durch den Dschungel von Anträgen zu kämpfen, alle Fördermöglichkeiten im Blick zu haben und den Anforderungen an Therapien, Arztterminen, Reha-Maßnahmen und Hilfsmitteln gerecht zu werden. Gleichzeitig gilt es, Entscheidungen zu treffen, z.B. wieviel Förderung ihr Kind braucht bzw. ihm auch guttut oder wieviel sie selbst als Familie leisten können.

Für die Einrichtung war es zu Beginn herausfordernd, sich in die Veränderungen im System Eingliederungshilfe neu einzuarbeiten. Denn zum 01.08.2020 ergaben sich durch die Umsetzung des Bundesteilhabegesetztes (BTHG) andere Zuständigkeiten, andere Finanzierungsgrundlagen und auch neue Anforderungen an Kindertageseinrichtungen. Die richtigen Antworten auf die Fragen aus der Praxis zu finden, war anfangs nicht leicht. Doch mit dem Anspruch all das möglich machen zu wollen, ist es dem Kinderforum gelungen, alles Notwendige einzuleiten, damit Mateo seinen Ansprüchen gerecht betreut werden kann.

Grundsätzlich erfordert jedes neue Kind in einer Kindertageseinrichtung, dass die Fachkräfte sich mit den besonderen Facetten und individuellen Bedarfen des Kindes immer wieder neu auseinandersetzen und sich bei Bedarf fachlich qualifizieren.

Aktuell ist das zusätzlich notwendige Personal für die Betreuung von Mateo im Kinderforum gefunden. Die Vollzeitkraft beginnt ab Januar 2022 ihre Tätigkeit und alle Kolleginnen und Kinder freuen sich schon.

Der Gewinn

Durch die gelebte Inklusion erfahren Kinder Verschiedenheit als normal. Sie erfahren einen selbstverständlichen Umgang mit Beeinträchtigungen und bauen eine größere Toleranzfähigkeit - auch sich selbst gegenüber – auf. Für die Kinder im Kinderforum ist Mateo in erster Linie ein Kind der Gruppe, genau wie alle anderen, ein potentieller Spielpartner. Im Umgang mit Mateo haben sie die Möglichkeit, ihre natürliche fürsorgliche und helfende Seite zu zeigen. Mateo erfährt durch die anderen Kinder vielseitige Anregungen - seine rasante Sprachentwicklung ist vielleicht auch auf diese Anregung zurückzuführen. Er hat, so wie alle anderen auch, vielseitige Modelle für seine Entwicklung.

Die Eltern sind durch die Besonderheit der Elterninitiative mehr in den Kindergartenalltag eingebunden. Sie übernehmen Elterndienste und sind häufiger vor Ort. Dadurch erleben sie mehr vom Alltag ihrer Kinder, was wiederum Nähe und Vertrauen schafft. Auch für die Eltern wird Inklusion auf diese Weise zu einer erfahrbaren Größe in ihrem Leben.

Bei Rückfragen wenden Sie sich gerne an Pia Ney, Fachreferentin für Inklusion für die Kinder-und Jugendeinrichtungen im Paritätischen in Düsseldorf.